Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen …“

Gmünder Turmwächterführung

Standesgemäß gekleidet und mit Hellebarde und Laterne ausgestattet wurde die Gruppe vom ökumenischen Männervesper vom derzeit einzigen Gmünder Turmwächter begrüßt: Frank Messerschmidt, von Beruf Bäckermeister, lässt in seiner Turmwächterführung die Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd und das Leben seiner Bewohner in zahlreichen Anekdoten lebendig werden. So erfuhren die interessierten Zuhörer am Fünfknopfturm vom Leben und Arbeiten eines Turmwächters, am Mutterhaus der Vinzentinerinnen von der Krankenpflege im Mittelalter, am Stadtgraben von der fürchterlichen Pestepidemie und am Münster von dessen Baugeschichte. Der „Gmünder Turmwächter“ präsentierte nicht so sehr die trockenen Fakten, sondern zahlreiche Begebenheiten aus dem Alltag der Gmünder Bürger, die er in mühevoller Kleinarbeit im Stadtarchiv recherchiert hatte. Den Abschluss nahm die Führung an der Städtischen Musikschule mit dem Turmwächtereid, auf mittelhochdeutsch vorgetragen, und einem Einblick in ein mittelalterliches Verließ. 

„Von der Freiheit – Martin Luther lesen“

Bericht über das Männervesper vom 13.03.17

„Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist“ – ganz in diesem Sinne fand am 13.03. das Männervesper statt, bei dem in gemütlicher Atmosphäre im Gemeindesaal heiße Würstchen, Brot und Käse verzehrt werden konnten. Nach dem Essen beschäftigten sich die 13 Männer, die teilgenommen hatten, mit Martin Luthers reformatorischer Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, die zum Reformationsjubiläumsjahr 2017 neu aufgelegt wurde und zusätzlich in leichter Sprache abgedruckt ist. Als Referent war der Schuldekan Dr. Harry Jungbauer zu Gast. Anfangs wurde in die Schrift eingeführt und die ersten beiden Thesen der Schrift besprochen. Anschließend wurden die Thesen diskutiert und lange beschäftigte uns die Frage, was eigentlich Freiheit bedeutet und was für Luther an dieser Freiheit denn das Entscheidende war. 

Nach dem Abschluss der Diskussion neigte sich der Abend mit einem gemütlichen Ausklang und einigen Gesprächen auch schon dem Ende zu. 

Wolfgang Kirschenesser –
Pfarrherr zur Frickenhofen und der Bauernkrieg

Im Rahmen des Reformationsjubiläums erfuhren die Teilnehmer des ökumenischen Männervespers Interessantes zu einem eher dunklen Kapitel dieser Epoche. 

Das Männervesperteam der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde hatte Walter Hees aus Frickenhofen als Referent zu den Ereignissen des Bauernkrieges im Jahr 1525 eingeladen. Walter Hees, im Hauptberuf Klinikdirektor des Stauferklinikums Schwäbisch Gmünd, ist privat sehr heimatgeschichtlich interessiert. Er hat deshalb für die Ortschronik seiner Heimatgemeinde Gschwend einen Artikel über einen berühmten ehemaligen Bewohner geschrieben: Wolfgang Kirschenesser (1485-1525) war ein Zeitgenosse Martin Luthers und während des Bauernaufstandes Pfarrer in Frickenhofen. 

Die Bauern und Handwerker sind Ende des 15. Jahrhunderts und Anfang des 16. Jahrhunderts in einer schwierigen politischen und sozialen Lage. Adel und Klerus haben sie völlig ausgebeutet und entrechtet. Anfang 1525 erheben sich die Bauern und Handwerker vor allem in Süddeutschland. Insbesondere im Frühjahr 1525 explodiert die Lage regelrecht. Anfang März kommt es zu einer Bauernversammlung in Spraitbach, an der  auch Wolfgang Kirschenesser teilnahm. Als sich dann die Bauern in Iggingen als „Gemeiner Heller Haufen“ konstituierten wird er mehr oder weniger freiwillig gezwungen, als Schriftführer die Forderungen der Aufständischen an die Obrigkeit zu formulieren. Wie Hees betonte, waren es keine überzogenen Ansprüche, die die Bauern erhoben. Sie wollten lediglich in Ruhe ihren geregelten Lebensunterhalt verdienen. Deshalb wandten sie sich vor allem gegen Zusatzsteuern und die Verwüstung ihrer Äcker bei Treibjagden, die der Adel veranstaltete. Ebenso wollten sie, dass der Wald mit seinem Holz und den Tieren Allgemeingut wird und die Leibeigenschaft abgeschafft werde. Diese Anliegen wurden durch die reformatorischen Gedanken der Freiheit mit hervorgerufen, die Luther jedoch nicht auf die politische Ebene bezogen hatte. Der Schenk Georg von Limpurg und die Reichsstädte vertrösteten die Bauern zunächst, indem sie zusicherten, die Anliegen genau zu prüfen. Als es jedoch keinen Fortschritt in den Verhandlungen gab, entschloss sich das nunmehr auf 6 000 Mann angewachsene Bauernheer, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. So kam es zur Plünderung des Klosters Murrhardt und zur Verwüstung der Klöster Lorch und Gotteszell sowie der Reichsburg Hohenstaufen. Da die Bauern in ihrem Vorgehen immer brutaler wurden, wandte sich Luther von ihnen ab und riet der Obrigkeit zur Eindämmung des Aufstandes. In seiner Anfang Mai 1525 heraus gegebenen Schrift „Gegen die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ verurteilt Luther das Vorgehen der Bauern aufs schärfste. Er versucht dies später noch abzumildern, aber zu spät und ohne nachhaltige Wirkung. So beauftragte der Schwäbische Bund Georg Truchsess von Waldburg ein Heer mit gut bewaffneten Söldnern zusammenzustellen, das die aufständischen Bauern brutal niederschlug. Nach der entscheidenden Schlacht bei Böblingen zerstreuten sich die Bauern und von der Obrigkeit wurde eine große Säuberungsaktion begonnen, der auch Wolfgang Kirschenesser nicht entging. Er wurde in Schwäbisch Hall „peinlichen Verhören“ unterzogen und gestand unter Folter seine Beteiligung, die bis zu seiner Hinrichtung führte. Ebenso wurde Frickenhofen zur Strafe so verwüstet, dass das Dorf mehrere Jahre unbewohnbar wurde.

Walter Hees, der seinen fundierten Vortrag auf Originalquellen stütze, zollte den demokratischen Gedanken der einfachen Bauern im 16. Jahrhundert Respekt und bedauerte die brutale Zerschlagung des Bauernaufstandes. So sei Deutschland in seiner demokratischen Entwicklung mehrere Jahrhunderte zurückgeworfen worden. Erst mit der Bürgerbewegung 1848 sei wieder demokratisches Gedankengut zum Tragen gekommen.